Der EU Data Act fördert Daten als neues Geschäftsmodell. Das aber funktioniert nur, wenn die Datenökonomie aus Angebot und Nachfrage verstanden wird. Neben Herstellungskosten bestimmt vor allem der Nutzen den Preis.
Bonn, 26. Mai 2026. In Europa soll sich eine Datenökonomie etablieren. Und so ermöglicht der neue EU Data Act erstmals Nutzern nicht nur den Datenzugang von Geräteherstellern, sondern sogar deren Vermarktung an Dritte. Die Basis für neue, datenbasierte Geschäftsmodelle. Nur woran orientiert sich der Preis, wie sehen die Lizenzmodelle dazu aus und wie hoch sind Umsatzpotenzial und Gewinn aus Angebot und Nachfrage? Das sind mögliche Kernfragen vor dem nun quasi alle stehen, die datenproduzierende Geräte besitzen oder pachten. Denn sie alle erhalten Zugangs- UND Nutzungsrechte. Egal ob Haribo, was Maschinen nutzt oder Vonovia, die Aufzüge von KONE & Co. einsetzt.
Die neue Datenökonomie Dank EU Data Act
Der EU Data Act verteilt neue Rollen in der Datenökonomie. In Artikel 2 definiert der Data Act den Data Holder als jene Organisation, die Daten bereitstellt – typischerweise der Hersteller eines vernetzten Produkts oder Systems. Der User ist dagegen die Organisation, die das Produkt besitzt, least oder nutzt. Genau diese Definition besitzt enorme wirtschaftliche Tragweite.
Im Fall von Haribo wäre beispielsweise der Maschinenbauer der „Data Holder“, Haribo selbst jedoch der „User“. Bei Vonovia wären die Aufzugs- oder Gebäudetechnikanbieter KONE & Co. die „Data Holder“, während Vonovia als Betreiber der Gebäude der „User“ ist. Der entscheidende Wandel entsteht dadurch, dass Artikel 4 des EU Data Act dem User ausdrücklich das Recht gibt, auf die durch Nutzung erzeugten Daten zuzugreifen und diese zu nutzen. Die wirtschaftlich relevanten Daten entstehen nämlich nicht allein in der Maschine, sondern durch die realen Prozesse des Betreibers. Produktions-, Energie-, Qualitäts- oder ESG-Daten entstehen bei Haribo oder Vonovia erst durch deren operative Nutzung.
Noch wichtiger ist Artikel 5 des Data Act. Dort wird geregelt, dass der User verlangen kann, dass die Daten an eine „Third Party“ weitergegeben werden. Genau dadurch entsteht eine völlig neue Datenökonomie. Unternehmen wie Haribo oder Vonovia können künftig selbst datenbasierte Geschäftsmodelle entwickeln – etwa KI-gestützte Optimierungsmodelle, ESG-Intelligence, digitale Zwillinge oder datengetriebene Services für Dritte. Der eigentliche Paradigmenwechsel des EU Data Act liegt deshalb nicht allein im Datenzugang, sondern darin, dass Betreiber realer Prozesse erstmals systematisch eigene Value-Data-Modelle etablieren und vermarkten können.

Kosten für Herstellung und Bereitstellung sind nur die halbe Miete
Europa steht am Beginn einer neuen Wirtschaftsordnung. Still, technisch, regulatorisch – und doch von historischer Tragweite. Mit dem EU Data Act entsteht erstmals ein rechtlicher Rahmen für industrielle Datenräume. Maschinen, Gebäude, Fahrzeuge, Energiesysteme und digitale Produkte sollen ihre Daten künftig nicht mehr exklusiv in geschlossenen Plattformen halten dürfen. Daten sollen zugänglich, interoperabel und nutzbar werden. Die Europäische Union verfolgt damit nichts weniger als die Öffnung der industriellen Datenökonomie. Doch während Politik, Juristen und Unternehmen über Zugangsrechte, Schnittstellen und FRAND-Bedingungen diskutieren, bleibt eine zentrale Frage bislang erstaunlich unbeantwortet:
Was dürfen Daten eigentlich kosten?
Die Antwort scheint auf den ersten Blick einfach. Genau so argumentiert ein großer Teil der aktuellen Diskussion rund um den Data Act. Datenbereitstellung verursacht Kosten: Infrastruktur, APIs, Speicher, Sicherheit, Interoperabilität, Betrieb. Also müsse sich die Preisbildung an genau diesen Bereitstellungskosten orientieren. Fair, angemessen und diskriminierungsfrei – so lautet die regulatorische Formel des Data Act. Auch die vielzitierte Analyse der Kanzlei Härting bewegt sich genau in diesem Rahmen. Die Diskussion konzentriert sich dort auf die Frage, welche Kosten für die Bereitstellung von Daten überhaupt zulässig sind. Infrastruktur wird zum zentralen ökonomischen Bezugspunkt. Daten erscheinen in dieser Sichtweise vor allem als zugänglich zu machende Ressource. Doch genau hier liegt das eigentliche Missverständnis der gesamten Debatte. Denn Daten funktionieren ökonomisch nicht wie Öl, Stahl oder Strom. Sie folgen nicht den Regeln klassischer Rohstoffmärkte. Daten gehören zu einer völlig anderen ökonomischen Kategorie: den immateriellen Informationsgütern.
Value Data: Am Nutzen orientiert
Die meisten heutigen Diskussionen über Datenmärkte wirken erstaunlich neu. Tatsächlich wurden ihre ökonomischen Grundlagen jedoch bereits Mitte der 1990er Jahre beschrieben. Lange vor KI, Plattformökonomie oder Data Spaces analysierten Ökonomen wie Hal Varian und Carl Shapiro die Mechanik digitaler Informationsmärkte. Sie prägten 1995 einen Satz, der heute aktueller wirkt als je zuvor: Informationsgüter seien dadurch gekennzeichnet, dass die erste Kopie teuer, jede weitere Kopie dagegen nahezu kostenlos sei. Dieser scheinbar einfache Satz zerstört praktisch die gesamte klassische Industrieökonomie.
Denn sobald Reproduktionskosten gegen Null tendieren, verlieren traditionelle Kostenmodelle ihre Bedeutung. Der Preis eines Gutes kann dann nicht mehr sinnvoll aus Produktionskosten plus Marge abgeleitet werden. Genau deshalb funktionieren Softwaremärkte fundamental anders als industrielle Gütermärkte. Microsoft verkauft keine Disketten mehr. SAP verkauft keine Datenträger. Bloomberg verkauft keine Dateien. Der wirtschaftliche Wert entsteht an anderer Stelle: In der Nutzung.
Varian und Shapiro beschrieben diese Logik bereits in ihrem Standardwerk „Information Rules“. Informationsgüter folgen nicht der Logik klassischer Commodity-Märkte. Sie folgen der Logik von Zahlungsbereitschaft, Marktsegmentierung, Versionierung und wirtschaftlicher Wirkung. Das klingt abstrakt – bis man das vielleicht einfachste Beispiel überhaupt betrachtet. Und darum ist ein Logo für einen Konzern um ein vielfaches teurer als für ein kleines Startup. Dabei ist der grafische Aufwand nahezu identisch. Dieselben Stunden. Dieselbe Software. Dieselbe Datei. Nicht die Produktionskosten sind deutlich höher. Nicht die Bereitstellung. Sondern weil der wirtschaftliche Hebel der Nutzung ein völlig anderer ist. Genau dieselbe Logik gilt heute auch für Daten – Value Data. Und genau diese Logik fehlt bislang fast vollständig in der europäischen Data-Act-Debatte.
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Quellen:
HÄRTING Rechtsanwälte — FRAND im Data Act: Was dürfen Daten kosten?
https://haerting.de/wissen/frand-im-data-act-was-duerfen-daten-kosten/
Hal Varian — Pricing Information Goods
https://people.ischool.berkeley.edu/~hal/Papers/price-info-goods.pdf
Shapiro & Varian — Information Rules
https://knowen-production.s3.amazonaws.com/uploads/attachment/file/1422/hal-varian-information-rules-chapter-1.pdf
Simon-Kucher — Wertbasierte Preisgestaltung
https://www.simon-kucher.com/de/consulting/commercial-strategy-pricing-consulting/preis-revenue-management/wertbasierte-preisgestaltung
Fraunhofer ISI — Datenökonomie und Datenmärkte
https://www.isi.fraunhofer.de/
ZEW — Ökonomie von Datenmärkten
https://www.zew.de/fileadmin/FTP/dp/dp17043.pdf?
DAI — Public Data License (PDL)
https://dai.institute/wp-content/uploads/2026/05/Lizenzvereinbarung_OGC_19122025-V1.pdf
