Bonn, 06. Mai 2026. Die Wärmewende im Gebäudesektor steht vor einer entscheidenden Weichenstellung. Lange Zeit schien die Richtung klar: Fossile Heizsysteme sollten schrittweise durch den Ausbau der Fernwärme oder strombasierte Lösungen wie Wärmepumpen ersetzt werden. Mit den aktuellen Reformplänen rund um das Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG) und die sogenannte „Biotreppe“ verschiebt sich dieses Bild jedoch grundlegend. Statt eines eindeutigen Technologiewechsels entsteht ein neuer, komplexerer Transformationspfad – mit weitreichenden Konsequenzen für Haushalte, Infrastruktur und Energiepolitik.
Was ist die Biotreppe?
Die sogenannte „Biotreppe“ ist ein zentrales Element der geplanten Reform des Gebäudeenergiegesetzes im Rahmen des Gebäudemodernisierungsgesetzes (GMG) und steht für einen grundlegenden Kurswechsel in der Wärmepolitik. Statt wie bisher beim Einbau neuer Heizungen einen festen Anteil erneuerbarer Energien vorzuschreiben, erlaubt die Biotreppe weiterhin den Einsatz von Gas- und Ölheizungen – allerdings unter der Bedingung, dass diese schrittweise mit klimafreundlichen Energieträgern betrieben werden.
Konkret bedeutet das: Ab 2029 sollen fossile Brennstoffe verpflichtend mit einem wachsenden Anteil erneuerbarer Gase kombiniert werden. Vorgesehen ist eine stufenweise Erhöhung – die sogenannte Biotreppe: Ab Januar 2029 sollen mindestens 10 Prozent klimafreundliche Brennstoffe genutzt werden, ab 2030 mindestens 15 Prozent, ab 2035 mindestens 30 Prozent und ab 2040 mindestens 60 Prozent (siehe auch Entwurf zum neuen Heizungsgesetz liegt vor: Das steht drin | BR24). Zu diesen „grünen Gasen“ zählen insbesondere Biomethan, biogenes Flüssiggas sowie langfristig auch Wasserstoff oder synthetische Energieträger.
Im Unterschied zur bisherigen Regulierung verschiebt sich damit der Fokus grundlegend: Nicht mehr nur die Wärmetechnologien Fernwärme (zentral) oder Wärmepumpe (dezentral) stehen im Zentrum, sondern nun auch Haushalte, die weiterhin auf klassische Energieträger mit einem Dekarbonisierungspfad setzen. Das hat weitreichende Konsequenzen auf die kommunale Wärmeplanung. Wie werden sich die Haushalte entscheiden? Und wo ist das Gasnetz noch am wirtschaftlichsten?
Fraktion Wärmepumpe oder Biotreppe?
In der Wärmewende standen bisher Haushalte zunehmend vor einer grundlegenden Entscheidung: Umstieg auf die Wärmepumpe – ja oder nein? Der Verbleib des klassischen Heizungssystems war praktisch ausgeschlossen. Durch das neue Gesetz ändert sich das. Auf dieser Basis können Eigentümer nun auch den Weg der Biotreppe gehen, und damit den ihnen vorliegenden Ausgangsbedingungen eingehen. Verfügt die „Fraktion Wärmepumpe“ häufig über geeignete Gebäude, ausreichende finanzielle Mittel oder die Möglichkeit, notwendige Sanierungen umzusetzen, so stehen viele Haushalte vor der Situation, dass die Investitionen in neue Heiztechnik und Gebäudehülle kaum tragbar sind. Für sie bleibt der Verbleib im bestehenden System – etwa durch steigende Beimischungen erneuerbarer Gase im Rahmen der Biotreppe – als bessere Option. Die Zugehörigkeit zu einer dieser „Fraktionen“ ist damit nicht eine Frage der Einstellung, sondern vielmehr eine Frage von Einkommen, Gebäudestruktur und organisatorischen Hürden.
Die zentrale Herausforderung liegt nun in der Verknüpfung von Gebäudezustand, Investitionskosten, Infrastruktur und sozio-ökonomischem Status der Haushalte. Genau hier setzt das data analytics institute (dai) an. Durch die Analyse adressgenauer sozio-ökonomischen Daten und detaillierten Infrastrukturdaten ist es erstmals möglich, die Dimensionen aller drei Zielgruppen – Fernwärme, Wärmepumpe und Biotreppe – integriert zu betrachten. Damit können nicht nur Kosten realistisch abgeschätzt, sondern auch räumlich konkretisiert werden, welche Transformationspfade für welche Gebäude und Haushalte tragfähig sind. Entscheidend auch für die weitere Netzplanung.
Bisherige kommunale Wärmeplanung muss neu gedacht werden
Die Einführung der Biotreppe verändert die Logik der kommunalen Wärmeplanung grundlegend. Bisher basierte sie vor allem auf der Frage, wo Wärmenetze ausgebaut und wo Gebäude dezentral – meist über Wärmepumpen – versorgt werden. Mit der Biotreppe entsteht jedoch eine neue Zielgruppe: Haushalte, die langfristig im bestehenden Gasnetz verbleiben und über steigende Anteile erneuerbarer Gase dekarbonisieren. Dadurch entstehen neue, bislang nicht berücksichtigte Versorgungsräume. Kommunen müssen künftig nicht mehr nur zwischen Fernwärme und Elektrifizierung unterscheiden, sondern auch gezielt Gebiete identifizieren, in denen ein Weiterbetrieb der Gasinfrastruktur sinnvoll und sozial tragfähig ist. Das erfordert ein Umdenken: Wärmeplanung wird von einer rein technischen Infrastrukturplanung zu einer differenzierten, sozial ausgerichteten Allokationsaufgabe. Nur durch eine kleinräumige Analyse von Gebäuden, Haushalten und Netzen lassen sich diese neuen Gebiete sinnvoll abgrenzen und integrieren.

Das data analytics institute (dai) unterstützt mit Daten und Analysen
Das dai unterstützt diesen notwendigen Wandel der kommunalen Wärmeplanung durch die Bereitstellung einer neuartigen, integrierten Datengrundlage. Durch die Verknüpfung von gebäudescharfen Informationen wie z.B. Gebäudealter oder Energiebedarf, detaillierten Infrastrukturdaten wie beispielsweise zum Gasnetz, Kostenschätzungen für Heizung und Sanierung sowie feinräumigen sozio-ökonomischen Daten ermöglicht das dai einen differenzierten Blick in beliebige Quartiere. Auf dieser Basis lässt sich der netz-ökonomische sowie sozial-verträglich sinnvollste Transformationspfad begehen. Kommunen und Netzbetreiber erhalten damit eine belastbare Entscheidungsgrundlage, um neue Versorgungsgebiete – einschließlich der durch die Biotreppe entstehenden Gasverbleibszonen – gezielt zu identifizieren und in eine sozial verträgliche Gesamtstrategie zu integrieren.
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